Der Leinen-Rambo
- marionhoeft

- 14. Juni
- 4 Min. Lesezeit
wenn der Gassigang zum Horrortrip wird

Vielen Menschen treibt es drei mal am Tag den Angstschweiß auf die Stirn. Der Hund muss raus!
Äußerlich versucht man ruhig zu bleiben, doch tief im Innern kommt der Blutdruck an gefährliche Höhen: hoffentlich ist Erzfeind Atlas der Rottweiler oder Bruno der Mops nicht draußen.
Rambo spürt instinktiv, dass mit Frauchen etwas nicht stimmt, sie ist nervös und Rambo beobachtet sie genau. Endlich kommt der magische Ruf „Gaaaassssiiiii" Rambo schießt hoch und „freut" sich wie Bolle, springt an seinem Frauchen hoch und zwickt sie „liebevoll" in Hände und Fersen.
Hektisch werden Schuhe und Jacke angezogen, die „Kackerl-Sackerl" eingepackt. Trotz aller Aufregung gelingt es Frauchen, Rambo die Leine irgendwie umzulegen.
Schnell noch Leckerlies eingesteckt und das Lieblingsspielzeug zur Ablenkung für alle Fälle griffbereit. Dann heißt es, ein letztes Mal tief durchatmen.
Kaum ist die Tür geöffnet schießt Leinen Rambo raus, alles Zureden von Frauchen hilft nichts, er zerrt sie mit.
Während Frauchen ängstlich die Gegend überblickt, hat Rambo bereits die Lage gecheckt. Er ist zu allem bereit, schließlich spürt er, dass Frauchen unsicher und ängstlich ist. Folglich übernimmt Rambo den Schutz des Rudels. Einer muss es ja tun.
Also wird zuerst geklärt, wer es gewagt hat in Rambos Revier einzudringen. Frauchen wird von einem Fleck zum nächsten gezogen. Schließlich muss Rambo seine Duftmarken drüber setzen und klar machen, wer hier das Sagen hat.
Frauchen lässt ihn gewähren, voller Freude dass Rambo so viel Spaß hat.
Und da kommt er, Atlas in seiner ganzen Pracht. Frauchen hat ihn erblickt und in ihrem Kopf hämmert es „oh mein Gott, was tun?".
Sie nimmt Rambos Leine kurz und holt sein Lieblingsspielzeug raus um Rambo abzulenken. Rambo reagiert sofort und nimmt die Beute um sich gleich wieder auf Atlas zu konzentrieren, der inzwischen in Rambos Revier eingedrungen ist.
Nun hängt Rambo zähnefletschend in der Leine, steht auf den Hinterbeinen und zieht Frauchen gefährlich in Richtung Atlas und scheint zu allem bereit.
Auch Atlas reagiert, zwingt sein Herrchen in Richtung Rambo. Die Menschen versuchen nun beruhigend auf ihre Hunde einzureden „ist ja guuut, beruhige dich". Doch die Hunde drehen immer weiter auf, es wird gebellt, geknurrt, die Zähne gefletscht und sich mit aller Kraft in die Leine gehängt. Die Menschen können nur noch versuchen, diese Kraftpakete irgendwie zu halten.
Der Mann kann seinen Rottweiler halten, er wiegt auch gute 30 kg mehr als das Frauchen von Leinen-Rambo.
Als der Erzfeind endlich vorbei ist, ist Frauchen genervt, gestresst und erschöpft. Rambo wurde angeschafft, weil er ein liebevoller Sozialpartner sein sollte, der beste Freund und treuer Begleiter auf vielen Wanderungen.
Nun bedeutet Gassigehen nur noch Stress und Angst, drei mal täglich!
Was ist passiert? Zuhause ist Leinen Rambo ein toller Hund, verspielt, verschmust und folgt Frauchen auf Schritt und Tritt. Selbst auf dem stillen Örtchen ist sie nicht allein.
Draußen aber mutiert der beste Freund zur Kampfmaschine, sobald andere Hunde in Sichtweite kommen.
Er baut sich auf, fixiert und schießt mit gefletschten Zähnen nach vorne. Egal wie klein oder groß die anderen Hunde sind, egal welche Rasse und egal welches Geschlecht. Rambo hasst sie alle.
Frauchen sucht sich nun Gassizeiten aus, an denen sie ziemlich sicher sein kann, dass sie alleine sind. Ihre Unsicherheit aber ist geblieben, was ist wenn...?
Häufig erlebe ich Geschichten wie diese, ein Zuhause lieber Hund wird zum überdrehten Leinen Rambo, sobald die Leine auch nur in Sichtweite kommt.
Für den Hund bedeutet die Leine Aufregung, Unsicherheit und auch Angst seines Frauchens. Alles klar, Rambo übernimmt - es bleibt ihm auch nichts anderes übrig denn Frauchen ist in Sachen Führung ein Totalausfall.
Rambo rennt voraus, übernimmt seinen Schutz und den seines Frauchens, er muss sein Revier kontrollieren und ggf. neu abstecken und auch verteidigen. Ein Vollzeitjob, der durch die Leine und „die da hinten dran" stark erschwert wird.
Je mehr er ackert um seinen Job gut zu machen, umso ärgerlicher und unsicherer wird Frauchen. Sie ruft, schreit und zieht Rambo mit der Leine mit aller Kraft zurück, immer und immer wieder. Das Mensch-Hund Team ist in einem Kampf gefangen.
Für Rambo ist dies das Signal, dass irgendetwas nicht stimmt. Er legt sich nochmal ordentlich ins Zeug als Rosa, eine AmStaff-Hündin erscheint. Leinen Rambo zieht Frauchen über die Straße in Richtung Rosa, die bereits mit gesenktem Kopf unseren Rambo erwartet und „aus dem nichts" nach vorne schießt, mitsamt Herrchen.
Zwei Menschen können nur noch hilflos schreiend mitansehen wie es heißt: Ring frei für Rosa und Rambo.
Gassi fängt vor dem Gassi an.
Viele Halter sorgen vor dem Gassi selbst für den steigenden Energielevel ihrer Hunde. Bevor es losgeht kommt der Ruf „Gaaaassssiiiiii".
In diesem Moment schießen die Hunde aus dem tiefsten Schlaf hoch und der Showdown beginnt. Der Mensch versucht nun durch unendliches Gerede die Hunde wieder zu beruhigen, vergeblich.
Am Ende wird entnervt aufgegeben. Dann wird nur versucht, unverletzt zu bleiben wenn Rambo wie eine gezündete Rakete rausstürmt, ganz vergessend dass hinten noch ein Mensch dran hängt.
Diese enorme Aufregung ihrer Hunde verwechseln viele Begroffene gerne mit Freude. Ein Irrtum der immer häufiger fatale Folgen hat.
Gassi beginnt vor dem Gassi. Statt Aufregung zu erzeugen sollte bereits hier der Mensch Ruhe ausstrahlen und ruhig bleiben.
Zu Beginn bedeutet es für die Menschen viel Zeit für das „Training" vor dem Gassi zu investieren.
Die Leine sollte für unsere Hunde in erster Linie Führung und Sicherheit bedeuten. Sie sollte für unsere Hunde das Zeichen sein, dass sie sich ganz entspannt ihren Menschen anvertrauen können und dieser die richtigen Entscheidungen trifft.
Wir sind in der Pflicht und auch in der Verantwortung unsere Hunde durch unsere Welt zu führen. Eine Welt die Hunden häufig ihr natürliches Verhalten und ihre Art der Kommunikation nimmt.
So würden Hunde untereinander niemals frontal aufeinander zulaufen, wir aber verlangen dies von ihnen. Wir achten nicht auf ihre Signale, wir gehen nicht auf ihre ersten Anzeichen der Unsicherheit ein. Im Gegenteil, wir versuchen unsere Hunde durch ein „ ist ja guuut Rambo oder „das ist doch nur Rosa" zu beruhigen.
Worte die für unsere Hunde der Auslöser sein können, die für Sie unangenehme Situation klären zu müssen.
Hunde fordern uns heraus, an uns zu arbeiten und uns zu einer Führungspersönlichkeit weiter zu entwickeln.
Denn das wahre Problem hängt am anderen Ende der Leine!
©️Marion Höft




