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Retten um jeden Preis?

Aktualisiert: 4. Sept. 2023


Hundetrainerin Marion Hoeft und ihre Hunde
Hundetrainerin Marion Hoeft: Retten um jeden Preis?


Wenn es um Tierschutz geht, wenn wir Bilder von traurigen „Fellnasen“, von armen Seelen, einsamen Hunden oder großen Welpenaugen sehen, gibt es für Viele kein Halten mehr. Die Emotionen kochen über und wir wollen helfen und all diese Hunde retten.


Die Folgen sind nicht mehr zu übersehen. Die Notrufe mehren sich, weil Hunde ihr Zuhause wieder verlieren. Nicht selten sollen sie am besten sofort weg, weil sie „verhaltensauffällig“ wurden. Warum wird nicht hinterfragt und dem Hund zu helfen kommt nicht allen Rettern in den Sinn.

Die Verantwortung endet mit der Rettung,


Tierheime quellen über und wissen nicht mehr wohin mit der Flut all dieser ehemals geretteten Hunden. Mittlerweile beginnen auch die Tierheime Hunde hin und her zu schieben, je nachdem wo gerade ein Platz frei geworden ist.

Hunde, die nicht die von Interessenten bevorzugten Eigenschaften wie lieb, nett freundlich, kinderlieb etc. entsprechen, werden zu Langzeitinsassen. Hunde die Aggressionen zeigen sind nicht gut für das Image eines Tierheimes und werden abgeschoben.


Mit den Hunden zu arbeiten, ihnen aus ihrem Verhalten herauszuhelfen und ihnen so die Chance auf ein neues Zuhause zu geben? Keine Zeit und kein Geld!

Häufig übernehmen ehrenamtliche MitarbeiterInnen, die den Sinn des Tierschutzes leben, diese Aufgabe. Sie opfern ihre Freizeit, um all diesen Hunden ein wenig helfen zu können.


Auch mich erreichen täglich immer mehr Anfragen, ob ich nicht eine arme „Fellnase“ bei mir aufnehmen kann. Falls ich mich nicht dazu bereit erkläre, muss die arme Seele wieder zurück in die Tötung!

Ist das Tierschutz?, Aus der Tötung in die Tötung?


Vor vier Wochen habe ich einen geretteten Herdenschutzhund-Mischling bei mir aufgenommen.


Ich habe ihn lange beobachtet und was ich sehe, erschreckt mich.


Pongo ist eines dieser vielen Opfer der unzähligen unverantwortlichen Rettungen.


Pongo wurde in eine Welt „hineingerettet“ die nicht seine ist. Die Welt, in die er gebracht wurde, macht ihm Angst. Er hat Angst vor Geräuschen, vor Männern, vor der Dunkelheit, vor dem Fernseher und selbst vor den Bewegungen am Himmel. Wann immer er kann, sucht er Schutz unter Bäumen, Sträuchern oder unter Möbeln.

Sein Leben besteht aus Angst und Stress.


Hundeexperten und auch Tierschützer hatten bereits mehrfach empfohlen, diesen Hund einschläfern zu lassen.

Ist es das, was wir unter Rettung verstehen, einen Hund von der Straße einzufangen, ihn nach Deutschland zu bringen, um ihn dann hier einschläfern zu lassen? Wenn ja läuft etwas gewaltig schief!


Was Pongo betrifft, bekommt er bei mir sein „Gnadenbrot“. Ich lasse ihn und zwinge ihn zu nichts. So weit wie möglich darf er bei mir leben, wie er es für richtig hält. Wir machen kleine Fortschritte und auch wieder Rückschritte.

Ob er jemals ganz hier ankommen wird? Ich weiß es nicht!


Ich stelle nicht den Auslandstierschutz als solches in Frage. Ich habe selbst fünf Hunde aus dem Ausland, darunter auch s.g. Rückläufer, und alle hatten ihr Päckchen dabei. Keiner meiner fünf Hunde war nur lieb, verspielt, verschmust oder gar dankbar für das neue Zuhause. Teilweise „ging ganz schön die Post ab“ und ich hatte alle Hände voll zu tun. Einen meiner Hunde „umzutauschen“ wäre mir aber nie in den Sinn gekommen.


Ich appelliere an die Tierschutzvereine, verantwortungsvoller mit dem Lebewesen Hund umzugehen. Es kann nicht im Sinne eines Tierschutzes sein, wenn unzählige gerettete Hunde hier erst zum Wanderpokal werden, um dann den Rest ihres Lebens in einem Tierheim verbringen zu müssen oder gar eingeschläfert werden.


Und ich bitte alle seriös arbeitenden Tierschutzvereine mitzuhelfen, dass all die Vereine, die Hunde in Massen ohne Sinn und Verstand nach Deutschland verkaufen, wieder in der Versenkung landen.

Den vermittelnden Verein von Pongo gibt es nicht mehr und das ist auch gut so!


Bitte seid aufrichtig zu den Interessenten und beschreibt die Hunde so ehrlich wie irgendwie möglich. Wenn man nichts über den Hund weiß, dann kommuniziert man das auch so. Ich bin immer wieder überrascht wie viele Hunde als kinderlieb beschrieben werden, die Zeit ihres Lebens in einem Tierheim waren und daher noch nie ein Kind gesehen haben können. Das ist unverantwortlich und hilft weder den Interessenten noch den Hunden.


Das vermeintliche Argument, dass es Hunden hier in einem Tierheim besser gehe als im Ausland, lasse ich pauschal so nicht stehen.

Wer das meint den bitte ich, regelmäßig Tierheime aufzusuchen und die Hunde dort zu beobachten, den Großteil des Tages eingesperrt auf wenige Quadratmeter und in ihren Fäkalien liegend. Viele werden verhaltensauffällig, verletzen sich selbst oder werden aggressiv.


Auch wenn wir es nicht hören wollen: wir können nicht alle retten. Jeder kann nur im Rahmen seiner Möglichkeiten etwas zum Tierschutz beitragen.

Wer seine Grenzen nicht erkennt und diese nicht beachtet, kann sehr schnell selbst zu einem „Rettungsfall“ werden. Auch das passiert, tagtäglich im Tierschutzland Deutschland. Vor allem vielen ehrenamtlichen Helfern, die nur helfen wollten.


Und manchmal müssen Hunde vor den „Rettern“ gerettet werden!



Und Pongo heute?


Pongo hat sich im Lauf der Zeit gut eingelebt. Er hat sich mit seiner „Gefangenschaft“ arrangiert und keinerlei Aggressionen mehr gezeigt. Das Fernweh aber ist geblieben. Oft steht er am Tor unseres Grundstücks und blickt in die Freiheit, die ich ihm nicht geben kann, so gern ich ihn diese wieder schenken würde. So aber genießen wir unsere Spaziergänge, die aufgrund seines Alters nun kontinuierlich kürzer werden.


Vor einigen Wochen begann Pongo aus dem vermeintlichen Nichts wieder nach Menschen zu schnappen. Betroffen waren diesmal aber nicht nur Männer, sondern auch Frauen.


Zunächst konnte ich mir sein Verhalten nicht erklären. Doch wenn Hunde „plötzlich“ oder aus dem „Nichts“ ihr Verhalten ändern, liegen dem meist gesundheitliche Gründe zu Grunde. So war nahelegend die Ursache zusammen mit meinem Tierarzt zu suchen als Pongo für irgendetwas zu maßregeln, wie es mit von verschiedenen Seiten empfohlen wurde, was nicht in seiner Verantwortung lag.


Nach eingehenden Untersuchungen war die Ursache recht schnell gefunden: Pongo hört nichts mehr, er ist taub. So erklärt sich seine Verhaltensveränderung gegenüber fremden Menschen. Nachdem wir nun die Ursache gefunden haben, war auch klar, dass es an uns ist, mit dieser Einschränkung umzugehen und unser Verhalten anzupassen. Wir achten darauf, dass wir Pongo nicht erschrecken und weisen Besucher an, wie sie sich zu verhalten haben.


Seitdem hat er nicht mehr geschnappt und da er viele Geräusche, die ihm zuvor verunsichert haben, nicht mehr hören kann, kommt er uns um einiges entspannter vor. Und nach wie vor streckt er seine Nase in den Wind und riecht den Duft der Freiheit, vor der er einst „gerettet“ wurde.


Und obwohl Pongo taub ist, nimmt er dennoch u.a. Gewitter wahr, lange bevor sie für uns wahrnehmbar sind. Dies zeigt uns, dass Hunde auf sehr viel mehr reagieren als auf unsere Kommandos. Sie nehmen diese Welt mit all ihren Facetten wahr. Daher ist das, was wir „Problemverhalten“ häufig eine Reaktion auf etwas, was wir verlernt haben zu fühlen und zuzulassen: Energien, die nicht nur von jedem Menschen ausgehen, sondern vielleicht auch in ganz anderen Sphären stattfinden. Man denke nur an das veränderte Verhalten der Tiere, Tage bevor ein Erdbeben geschieht. Menschen trifft es meist unvorbereitet, die Tiere aber haben die Warnung der Erde wahrgenommen und sind geflüchtet.


Auch nimmt er wahr, wenn ich mich ihm nähere, mit Bedacht aber mit einer Energie, die es in dieser Situation gerade braucht. Mal mehr, mal weniger. Rufen oder kommandieren dagegen kann ich so viel wie ich will, er reagiert nicht.


Von Hunden lernen heißt auch zu lernen, wieder zu fühlen und auf seine Instinkte zu achten. Denn zwischen Himmel und Erde geschehen viel mehr Dinge, als wir wahrhaben wollen oder können. Doch wir können diese Energien fühlen, wenn wir unseren Hunden folgen und aufhören unsere kostbare Lebenszeit damit zu vergeuden, ihnen alles Hündische abtrainieren zu wollen.


Die Menschen haben sich im Lauf ihrer Geschichte immer wieder in ihren Erkenntnissen und Annahmen geirrt, teils mit dramatischen Folgen. Vielleicht haben sich die Menschen auch in Bezug auf die Hunde geirrt und man sollte sie mehr von innen heraus führen und weniger trainieren oder gar befehlen? Darüber lohnt es sich nachzudenken, bevor man sich wieder von jemanden von seinem Weg abbringen lässt, der etwas empfiehlt was ihm von jemanden empfohlen worden ist, dem etwas empfohlen wurde....


©️Marion Höft

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