Der Fluch der kleinen Hunde
- marionhoeft

- vor 6 Tagen
- 3 Min. Lesezeit

Sind wir nicht alle hin und weg, wenn wir einen Chihuahua, Malteser oder Cavalier King Charles sehen? Gezüchtet werden dieses Hunde vor allem, um unser Herz und somit unseren Geldbeutel zu öffnen. Bedient wird sich dem Kindchenschema: große Augen, deren Blick uns alle schwach werden lässt und unseren Beschützerinstinkt aktiviert. Lässt das Interesse potentieller Interessenten nach, werden neue Rassen gezüchtet, die sogenannten Modehunde. Nach wie vor steht die französische Bulldogge ganz hoch im Kurs und lässt die Kassen der Züchter klingeln. Entsprechen die aktuellen Rassen nicht mehr der Nachfrage, kommen schnell neue Kreationen auf den Markt. Aktuell freuen sich die Züchter von Tea Cup Pudel über eine stetig steigende Nachfrage der Hundeliebhaber.
Für diese Hunde bedeutet ihr Dasein häufig viel körperliches Leid, denn der Optik musste die Gesundheit weichen.
Spätestens wenn solch ein süßes Wesen auf dem Arm gehalten wird, schmilzt die Vernunft vieler Menschen dahin.
Anfangs noch motiviert, wird der Mensch schnell schwach und aus einem kleinen Hund wird ein Baby, ein Kind das beschützt, verwöhnt und betüttelt wird.
Übersehen wird dabei allzu häufig, dass auch kleine Hunde schlichtweg nur Hunde sind. Führung, Erziehung, Regeln und Grenzen setzen? Fehlanzeige! Stattdessen werden sie mit Menschenliebe überschüttet und sich mit ihren hündischen Bedürfnissen selbst überlassen.
Schnell hat die Industrie ihre Chance gewittert und einen neuen Markt geschaffen, die Verniedlichung der kleinen Hunde.
Wenn ihr hündisches Aussehen noch nicht ganz in die vom Menschen gewünschte Puppenwelt passt, werden diese Hunde gerne verkleidet. Sie bekommen Strampelanzüge, Tütü oder Clownkostüme übergestülpt. Mützen gibt es in allen Variationen und dazu die passenden Schuhe. Das Angebot ist schier unendlich.
Alle haben Freude an dem lustigen Aussehen dieser niedlichen Geschöpfe. Bei aller Liebe (zu wem eigentlich) wird dabei nicht bedacht, dass diesen Hunden ihre Identität und ihre natürliche Kommunikation genommen wird. Diese Hunde können sich ihren Artgenossen nicht mehr mitteilen und werden häufig Opfer von Angriffen durch andere Hunde - verursacht durch den liebenden Menschen.
Sie werden auf den Arm genommen, in exklusiven Tragetaschen als Accessoire durch die Stadt getragen oder im Kinderwagen vor der bösen Welt beschützt.
Gerne werden sie von oben herab in Babysprache angesprochen (mein Gott ist der süß oder "Komm zu Mama")) und von vor Entzücken jauchzenden Menschen respektlos betatscht. Auf dem Arm des Besitzers oder im Guccitäschchen haben diese Hunde kaum noch die Möglichkeit, ihre Körpersprache einzusetzen und dem „Angreifer" zu signalisieren: „geh weg!"
Stattdessen freuen sich Frauchen oder Herrchen über die Aufmerksamkeit, die ihnen durch den süßen Hund zu Teil wird.
Knurren die verängstigten Hunde oder fletschen die Zähne, werden diese deutliche Warnungen geflissentlich von den liebenden Hundemamas ode Papas oder den streichelwütigen Passanten übersehen. Einmal süß immer süß!
Dass diese kleinen Hunde die Situation als bedrohlich empfinden, Stress haben und der ,aus ihrer Sicht, Gefahr hilflos ausgeliefert sind, kommt den Wenigsten in den Sinn. Ein natürliches Verhalten wie Vermeidung oder Flucht ist ihnen unmöglich. Was diesen Hunden in diesen Situationen bleibt ist häufig nur der Weg nach vorne, wir nennen es Aggression.
Mit der Süße ist es erst vorbei, wenn der geplagte kleine Hund schnappt und die Liebe spendende Hand verletzt. Was folgt sind Schimpftiraden und nicht selten wird der Hund mit Missachtung (Fachkreise sprechen von Ignorieren) bestraft.
Wer käme auf die Idee, z.B. einen Schäferhund durch die Gegend zu tragen oder diesen von jedem ungefragt anfassen zu lassen? Kommt wirklich jemand auf die Idee, einen schnappenden Schäferhund zu ignorieren? Ich hoffe niemand!
Zu mir kommen viele Kunden mit ihren kleinen Hunden in die Praxis und alle haben eines gemeinsam: sie haben Angst um ihr „Baby", wenn ich meine großen Hunde dazu hole. Ich kann nur sagen, dass alle Hunde, auch die kleinen, die Zusammentreffen überlebt haben, weil sie das sein konnten was sie in diesem Moment waren - einfach nur Hunde!
„Erst wenn der Mensch sich ändert!" können auch kleine Hunde ihre wahre Größe zeigen!
©️Marion Höft



