Marion Höft  
Hundetrainerin und Problemhundtherapeutin
Hundeschule - Hundetraining - Seminare und Coaching fuer Mensch und Hund

Ich berate Menschen und trainiere Hunde

Blog Pfote today

Hunde - die unbekannten Wesen

Gepostet am 3. Februar 2020 um 14:00

Verfolgt man die menschliche Hundewelt im Netz, scheint alles ganz einfach. Einen Hund kann man problemlos online kaufen und die passende Bedienungsanleitung gleich dazu.

 

Mit herzergreifenden Bildern geschmückt sind fast nur liebe, kuschelbedürftige und anspruchslose Hunde zu finden, meint man. Sie laufen super an der Leine, lieben Kinder und Autofahren sowieso. Fast alle beherrschen die Grundkommandos und brauchen nur ein wenig Liebe und Geduld.

 

So ein unproblematisches und pflegeleichtes Exemplar passt perfekt in die geträumte Welt vieler Menschen und der Verstand setzt aus. Das Schneeflöckchen Herdenschutzhund bekommt sein ersehntes warmes Körbchen und der leidende Mischling seine geliebten Kinder. Ein wenig Training hier, etwas Konditionierung dort und drei mal täglich Gassi. Ach was für ein Hundeleben.

 

Die Realität trifft viele Menschen völlig unerwartet fast über Nacht. Schneeflöckchen lässt den Herdenschutzhund raushängen und der Mischling hat mit den Kindern so gar nichts am Fell. Ja was erlaube?

Leckerchen werden nun in Massen geworfen, alles positiv verstärken und mit einem vor Liebe überquellendem Herzen. Mit der Stimme wird ein säuselndes Markerwort erfunden und mit jedem Click kommt der Gehorsam. So steht es geschrieben, so wird es gemacht!

 

Trotzdem häufen sich die Probleme derart, dass mittlerweile selbst viele Hundetrainer*innen mit den Worten „so was machen wir nicht“ abwinken, wenn das Wort „aggressiv“ fällt. Hunde sind zum spielen und bespassen da, Fehlfunktionen sind nicht einkalkuliert.

 

Was läuft verkehrt? Der Mensch hat Führung verlernt. Nur keine klaren Vorgaben oder gar ein deutliches Stopp. Welche Pein würde die empfindliche Hundeseele treffen. Also alles positiv, alles mit Gleichmacherei.

 

Hunde sind keine Menschen und schon gar nicht alle gleich. Es gibt Hunde, die sind anders, schwierig und denken selbst in ihren schlimmsten Albträumen nicht daran, sich einem liebenden Menschen unterzuordnen. Es gibt Hunde, die brauchen eine klare Führung, klare Ansagen und deutliche Grenzen, manchmal ein Leben lang. Es sind Hunde, die diese grenzenlose Menschenliebe hoffnungslos überfordert.

 

Mensch sieh wieder hin und vor allem sehe was ist. Der vernebelte Blick vieler Menschen auf Hunde bringt immer mehr Hunde in Tierheime, in Onlinevermittlungen und wenn gar nichts mehr geht auch ins Grab.

 

Hunde waren, sind und bleiben Jagdraubtiere und Beutegreifer. Wer sich darüber echauffiert, dass es Hunde gibt, die draußen leben und nicht auf einer Couch dauerliebkost werden, kann Hund nicht. Es gibt Hunde, die das Überleben auf der Straße gelernt haben und die mit Menschen nichts zu tun haben wollen. Wer solch ein Exemplar in unsere laute, hektische und rücksichtslose Welt zwingt, braucht sich über die Folgen nicht aufzuregen.

Es gibt Hunde. die gezüchtet wurden, um eigenständig zu arbeiten. Sie bewachen z.B. Herden und finden ihr artgerechtes Hundeglück draußen und weinen einem fehlenden Bettchen keine Träne nach. Vielen Menschen aber gefällt das nicht und sie meinen retten zu müssen, was nicht gerettet werden muss.

 

Viele Hunde sind pflegeleicht, viele aber nicht und das zieht sich durch alle Rassen. Wer dies nicht hören will, kann sich in den Tierheimen selbst ein Bild dieser falsch verstandenen Liebe machen. Dort sitzen sie, die s.g. Schattenhunde. Ein schönes Wort für so viel Hundeleid. Sie sind es, die den wahren Preis eines völlig verblendeten Blickes vieler Menschen zahlen. Sie verbringen den Rest ihres Lebens eingesperrt in Zwingern, ohne Aussicht, diesen Ort jemals verlassen zu können. Solche Hunde passen nicht in das Heilweltbild vieler Hundeliebhaber*innen. Es würde das positive Liebesheitideiti gewaltig stören. Eine Ausrede wurde diesen speziellen Umgang mit dem ehemaligen Wunschobjekt mittlerweile gefunden: in unseren Tierheimen geht es den Hunde immerhin besser als zuvor“. So kann man sein Gewissen auch beruhigen.

 

Kaum noch jemand wagt es, seinem Hund gegenüber eine gewisse Strenge zu zeigen. Sofort springt ein Voyeur aus dem Gebüsch und schreit „Gewalt“. Führt man seinen Hund z.B, an einer kurzen Leine Gassi, ist jemand zur Stelle, der entrüstet Tierquälerei ausmacht. Nach dem Warum wird dabei nicht gefragt, müssen viele angelesene Tierschützer auch nicht. Sie allein wissen was richtig und was falsch ist. Hund ist Hund und nur glücklich, wenn er grenzenlose Freiheit bekommt. Einen wirklich schwierigen oder gar zum Angriff bereiten Hund hatten solche Leute noch nie an der Leine und werden sie auch nie haben. Mit der Wirklichkeit konfrontiert könnte nicht mehr empört verurteilt werden.

 

Das Leid all der unzähligen orientierungslosen Hunde, die aufgrund der Führungsverweigerung ihrer Menschen unter Dauerstress stehen und zu Tode geliebt werden, will man aber nicht sehen. Es passt nicht in das rosarote Hundeliebesbild hinter dem PC.

 

Mensch lerne bitte wieder Hund, seine Bedürfnisse, seine Funktionsweisen und vor allem seine Kommunikation. Lerne wieder Hunde so zu sehen wie sie sind und nicht, wie sie schön geschrieben werden. Dann haben Hunde eine echte Chance, ein gutes Hundeleben zu führen und trotzdem oder gerade deshalb wieder der beste Freund des Menschen zu werden.

 

Was Hunde zu ihrem Glück wirklich brauchen, werden wir wohl nie bis ins Detail wissen. Gesichert ist, dass Hunde die wunderbare Gabe haben, sich auch den widrigsten Umständen anpassen zu können. Es wäre vielen Hunden schon geholfen, wenn auch wir uns den Hunden anpassen würden, anstatt sie bis zum Exzess auszulasten und sie so zu optimieren, dass sie in unser Leben passen.

 

Beziehungen sind niemals eine Einbahnstraße und funktionieren nur, wenn die Bedürfnisse beider Partner Berücksichtigung finden. Wird die Waage nicht gehalten, bricht früher oder später einer aus. Meist sind es die Hunde, die sich nicht mehr anders zu wehren wissen, als ihre schärfste Waffe einzusetzen: ihre 42 Zähne.

 

©️Problemhundtherapie Marion Höft

 

Kategorien: Keine